Erste Hilfe in der Krisenvorsorge hat eine andere Qualität als im Alltag. Während bei einem normalen Unfall der Rettungsdienst in Minuten vor Ort ist, kann bei einem großflächigen Blackout oder einer Katastrophe die medizinische Versorgung stundenlang, manchmal tagelang ausbleiben. In diesem Zeitraum können einfache Verletzungen, die normalerweise harmlos sind, lebensbedrohlich werden, wenn sie nicht richtig versorgt werden. Wer die Grundlagen der Erste-Hilfe beherrscht, ein gut bestücktes Erste-Hilfe-Set bereithält und weiß, wann eine Situation die eigenen Möglichkeiten übersteigt, ist in der Lage, in Krisensituationen wirklich zu helfen. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die wichtigsten Erste-Hilfe-Kenntnisse und den Aufbau einer Krisennotapotheke.
Grundregeln der Ersten Hilfe im Krisenfall
Die Grundregeln ändern sich im Krisenfall nicht, aber die Rahmenbedingungen schon. Immer zuerst die eigene Sicherheit gewährleisten – ein verletzter Helfer ist keine Hilfe. Dann Lage beurteilen: Wie viele Verletzte? Welche Verletzungen? Welche Ressourcen habe ich? Im Krisenfall triage-denken: die verfügbaren Mittel gezielt einsetzen, wo sie am meisten nützen. Notruf 112 versuchen, auch wenn die Leitungen überlastet sind – weiter versuchen.
Wundversorgung: die häufigste Aufgabe
Schnitte, Schürfwunden und tiefere Verletzungen sind im Krisenfall häufiger als im Alltag, da Menschen unter Stress und in ungewohnten Umgebungen handeln. Grundregeln für die Wundversorgung:
- Wunde säubern: mit sauberem Wasser auspülen, Fremdkörper entfernen (außer tief sitzenden)
- Desinfizieren: mit Wunddesinfektionsmittel (z.B. Betaisodona, Octenisept)
- Abdecken: steriler Verband oder Wundauflage, täglich wechseln
- Beobachten: Zeichen einer Infektion (Rötung, Schwellung, Eiter, rote Streifen) ernst nehmen
- Starke Blutungen: direkter Druck mit sterilem Material, Druckverband anlegen
Starke Blutungen stoppen
Starke Blutungen sind im Krisenfall ein Notfall, der ohne medizinische Versorgung lebensbedrohlich werden kann. Sofortmaßnahme: starker direkter Druck auf die Wunde mit einem sauberen Tuch oder sterilem Verband. Druck mindestens 10 Minuten halten, nicht nachlassen. Bei extremen Blutungen an Gliedmaßen: Tourniquet (Abbindung) oberhalb der Wunde. Ein Tourniquet im Verbandkasten und die Kenntnis seiner Anwendung kann Leben retten.
Häufige Verletzungen und Erkrankungen im Krisenfall
- Verbrennungen: kühlen mit lauwarmem Wasser (15 bis 20 Minuten), nicht mit Eis oder Butter, steril abdecken
- Knochenbrüche: Ruhigstellen mit improvisierten Schienen (Äste, Bretter), Schmerzmittel geben
- Unterkühlung: langsam aufwärmen, trockene Kleidung, warme Getränke wenn bei Bewusstsein
- Hitzeerschöpfung: in den Schatten, Wasser trinken, kühlen
- Durchfall und Erbrechen: Flüssigkeitsverlust ausgleichen, ORS-Lösung (Oral Rehydration Salt) verwenden
- Allergische Reaktionen: Antihistaminika, bei schweren Reaktionen Adrenalin-Autoinjektor (Epipen) wenn vorhanden
Die Krisennotapotheke: Was reingehört
Über den Standard-Verbandkasten hinaus sollte eine Krisennotapotheke folgende Elemente enthalten:
- Wundversorgung: sterile Kompressen, Wundauflagen, Verbandpäckchen, elastische Binden, Heftpflaster verschiedener Größen, Tourniquet
- Desinfektion: Wunddesinfektionsmittel (Octenisept oder Betaisodona), Händedesinfektionsmittel, Einweghandschuhe
- Medikamente: Schmerzmittel (Ibuprofen, Paracetamol), Antihistaminika, Antidiarrhoikum (Loperamid), ORS-Pulver, Elektrolytlösung
- Instrumente: Pinzette, Schere, Einmalrasierer (zum Reinigen von Wunden), Thermometer, Blutdruckmessgerät
- Persönliche Medikamente: ausreichend Vorrat für alle Haushaltsmitglieder
Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen
Wissen ohne Übung nutzt im Ernstfall wenig. Das Rote Kreuz, die Johanniter, der Malteser Hilfsdienst und viele andere Organisationen bieten regelmäßige Erste-Hilfe-Kurse an – oft für 35 bis 50 Euro. Eine Auffrischung alle zwei Jahre ist empfehlenswert. Besonders nützlich: spezifische Kurse für Krisenmedizin, Wundversorgung oder Tourniquet-Anwendung.
Praktische Checkliste Erste Hilfe im Krisenfall
- Verbandkasten nach DIN 13164 als Grundlage
- Tourniquet (z.B. CAT oder RATS) und Kenntnis seiner Anwendung
- Wunddesinfektionsmittel (Octenisept oder Betaisodona)
- Schmerzmittel und Fiebermittel für alle Haushaltsmitglieder
- ORS-Pulver für Durchfall und Dehydrierung
- Persönliche Medikamente in ausreichendem Vorrat
- Erste-Hilfe-Kurs besuchen oder auffrischen
Häufige Fragen zur Ersten Hilfe in der Krisenvorsorge
Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist eine Herstellergarantie für volle Wirksamkeit. Viele Medikamente wie Ibuprofen, Paracetamol und Antihistaminika sind bei trockener, kühler Lagerung noch Jahre nach dem MHD wirksam. Flüssige Präparate, Augentropfen und Insuline verlieren nach Öffnen schneller an Wirksamkeit. Im Zweifel: mit einem Arzt oder Apotheker sprechen.
Sofort mit Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW) beginnen: 30 Herzdruckmassagen, dann 2 Beatmungen, im Wechsel. Ohne Unterbrechung weitermachen bis der Rettungsdienst eintrifft oder die Person wieder atmet. Ein AED (Automatisierter Externer Defibrillator) – in vielen öffentlichen Gebäuden verfügbar – sollte sofort geholt und verwendet werden. HLW-Kenntnisse regelmäßig üben.
Warnszeichen einer Sepsis (Blutvergiftung): hohes Fieber über 38,5°C oder Unterkühlung unter 36°C, beschleunigter Herzschlag, schnelle Atmung, Verwirrtheit oder verändertes Bewusstsein, extreme Schwäche, blasse oder fleckige Haut. Bei diesen Zeichen nach einer Wunde oder Infektion sofort ärztliche Hilfe suchen – Sepsis ist ein Notfall, der unbehandelt tödlich enden kann.
ORS (Oral Rehydration Salt) ist eine Elektrolytlösung aus Salz, Zucker und Wasser nach WHO-Rezeptur. Sie ersetzt bei Durchfall und Erbrechen die verlorenen Flüssigkeiten und Elektrolyte effektiver als reines Wasser. Besonders für Kinder, ältere Menschen und geschwächte Personen lebensrettend. ORS-Pulver ist günstig, leicht lagerbar und in der Apotheke erhältlich. Notfall-DIY: 1 Liter Wasser, 6 Teelöffel Zucker, 1 Teelöffel Salz.
Sofort mit lauwarmem Wasser kühlen – mindestens 15 bis 20 Minuten. Nicht mit Eis, Butter, Zahnpasta oder anderen Hausmitteln behandeln. Kleidung und Schmuck entfernen, soweit sie nicht an der Wunde kleben. Verbrennung steril abdecken. Bei großflächigen Verbrennungen (mehr als Handflächengröße), Gesichtsverbrennungen oder tiefen Verbrennungen immer ärztliche Versorgung suchen.
